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Schneemonster

 Renate Hupfeld


„Guck mal, Mama, ein riesiges Haus mit ganz viel Schnee drauf.“
„Ein weißer Fels ist das, da müssen wir höllisch aufpassen.“
In dem Moment, als sie sich zu Nikki umdrehte, zog es sie von der Piste. Sie rutschte und rutschte und konnte nichts dagegen tun. Ein schwarzer Schleier streifte ihr Gesicht. Wie ein Schlag traf sie die Dunkelheit. Unvorstellbares Schwarz. Wo war oben, wo unten? Stand sie noch auf ihren Beinen? Sie wollte schreien, kein Laut kam aus ihrem Mund. So still. Dann leises Scharren. Vorsichtig richtete sie den Oberkörper auf, hatte Angst, ihr Kopf könnte an schroffe Felsen stoßen. Ein Luftzug. Sie schwankte. Ha! Was berührte sie da? Sie wollte sich wehren. Doch wie? Gegen wen? Ein Hauch dicht an ihrem Ohr. Etwas Leichtes auf der linken Schulter. Sie tastete danach. Ein Mensch. Einen Moment lang spürte sie Erleichterung, als sie eine warme Hand fest in der ihren hielt.
„Wo bin ich?“
„Beim großen Zampano.“
„Zampano?“
„Der berühmte Prinz der Lüfte, Herr über den Schneepalast.“
„Wo ist Nikki?“
„Nikolas ist bei Zampanos Söhnen. Er ist jetzt ein Luftprinz wie sie.“
„Wie sind wir hierher gekommen?“
„Dein Kind hat das Zeichen in den Augen, Phillis. Alle Jungen mit dem Zeichen kommen in den Palast des großen Zampano.“

„Und wer bist du?“
„Lilian. Ich führe dich weiter hinein in diesen wunderbaren Palast und zeige dir alle Herrlichkeiten.“
„Nein, nein!“
Doch sie konnte nichts tun. Mühsam setzte sie den Fuß vor und bewegte sich Schritt für Schritt tastend in der Finsternis, Lilians Hand immer noch fest umklammert.
Allmählich schwand die Dunkelheit, ein bläulicher Schimmer in weiter Ferne. Phillis schaute nach links und sah in ein junges Gesicht. Das also war Lilian. War jemals ein Lächeln so tröstlich? Sie näherten sich dem Licht. 
„Da sind Zampanos Söhne.“
Phillis schaute in einen Raum, von unten her blau beleuchtet. Es mochten wohl mehr als zwanzig kleine Jungen sein, die da bewegungslos saßen. Leuchtend blaue Augen in weißen Gesichtern. War das das Zeichen, dieses leuchtende Blau? Dunstschwaden verbreiteten einen süßlichen Geruch.
„Nikki“, rief Phillis, als sie ihr Kind erblickte.
„Mama, ich fliege.“
Sie wurde weiter gezogen, sein Gesicht verschwamm in ihren Tränen, bis seine Augen nur noch als blaue Punkte zu sehen waren.
„Lass ihn, er gehört jetzt zu ihnen.“
Lilian brachte sie in einen weiteren Raum, auch dieser schwachblau von unten beleuchtet.
„Dies ist das Reich der Frauen. Hier wirst du sehr komfortabel wohnen, wie alle Mütter der Jungen. Sie feiern und bewundern den großen Meister, ihre einzige Aufgabe.“
Ein Gewand in Eisblau schwebte herunter, direkt auf Phillis zu.
„Nimm es. Das bedeutet, der Meister hat dich gerufen. Bereite dich auf die große Inszenierung vor. Zieh es an, dann gehen wir los. Komm, ich helfe dir.“
Lilian streifte ihr das Kleid über und nahm sie an die Hand.
„Halt, eine Frage noch, Lilian.“
Sie blieben stehen.
„Wie komme ich zurück in meine Welt?“
„Es gibt für uns keine andere Welt als die des großen Meisters. Niemand kann den Ring der Finsternis überwinden. Alle, die es bisher versucht haben, sind im Kreis gelaufen. Wenn sie Glück hatten, wurden sie von den weißen Elfen eingefangen und zurück gebracht. Die meisten wurden jedoch nie mehr wieder gesehen.“
Kein Zurück? Das konnte sie nicht glauben. Sie war hierher gekommen und würde auch wieder hinausfinden. Ehe sie den Gedanken zu Ende dachte, befanden sie sich im riesigen Rund einer Halle, angeordnet wie eine Arena, nur umgekehrt. In der Mitte führten unzählige Treppenstufen hinauf in schwindelnde Höhen. Über einer Bühne wölbte sich eine Kuppel aus Schnee mit unendlichen Ausmaßen. Auf der obersten Treppenstufe lagerte eine Gruppe kleiner Jungen. Die Kinder kauerten dicht zusammen gedrängt und schienen zu schlafen. Phillis meinte Nikolas unter ihnen zu entdecken. Sie wollte zu ihm gehen, doch Lilian hielt sie zurück.
„Lass ihn, Phillis, es geht ihm gut, er gehört jetzt ihm und du gehörst hierher, in die Schar seiner Bewunderinnen.“
Nein, nein, nein, dachte Phillis, nicht nur Bewunderinnen. Sie schaute nach links und nach rechts. Frauen in blauen Gewändern hatten sich vor den Stufen versammelt und blickten unentwegt nach oben, wo Unmengen kleiner Schneewesen hoch in den Lüften schwebten.
Der Palast bebte, als eine dröhnende Stimme ertönte.
„Jetzt kommt der große Zampano.“
Eine Weile war es ganz still. Dann schwebte ein riesiger Mann mit weißem Umhang herein und schritt auf die Bühne. Phillis spürte einen eisigen Hauch, als er hinunter schaute und sein Blick zuerst über die Gruppe der Jungen, dann über die Schar seiner Bewunderinnen hinweg wanderte und auf ihrem Gesicht hängen blieb.
„Der große Zampano, Herr über die Lüfte“, dröhnte es wieder.
Weiße Tänzer wirbelten um das Schneemonster herum und verneigten sich immer wieder. Klirrende Töne sprangen durch die Luft wie tausende und abertausende Schneekristalle. Zampano bewegte sich zuckend und begann einen bizarren Tanz, so wild, dass der gesamte Palast vibrierte.
„Der große Zampano, gefeiert und bewundert“, hallte es unter der Kuppel, noch einmal und immer wieder. „Gefeiert und bewundert.“
Die Frauen fielen auf die Knie, auch Lilian. Phillis blieb als einzige stehen. Gefeiert und bewundert? Nicht von allen. Sie schaute in das Gesicht des Schneeriesen und fixierte die blauen Augen. Seine Verachtung traf sie wie ein eisiger Blitz. Sie fühlte einen schrecklichen Schmerz und wollte zurückweichen, nahm aber allen Mut zusammen und blickte das Monster unentwegt an. Es gelang ihr sogar, ein Zucken der Augenlider zu unterdrücken. Zampano erstarrte. Klirrend zerschellte sein Umhang und ein Haufen weißer Scherben lag zu seinen Füßen. Wie klein er plötzlich war, als er nackt da stand, so winzig unter der gewaltigen Kuppel. Dann war er ganz verschwunden. Die Tänzer schwirrten noch eine Weile wild durcheinander und verschwanden ebenfalls einer nach dem anderen. Auch Lilian und die anderen Frauen waren nicht mehr zu sehen.
Atemlos stand Phillis allein am Fuße der Treppe und wartete. Als nichts mehr passierte, betrat sie die unterste Treppenstufe, dann die zweite, die dritte, unzählig viele Stufen ging sie hoch, unendlich lang schien ihr die Treppe. Sie gab nicht auf und kam nach vielen, vielen Schritten oben bei den Jungen an. Nikolas lag mitten unter ihnen. Sie beugte sich zu ihm hinunter und küsste ihn auf die Stirn. In dem Moment schlug er die Augen auf und lächelte.
„Mama.“
„Nikki, Zampano ist besiegt. Wir zwei finden hinaus aus dem Schneepalast. Bleib immer dicht bei mir, dann passiert uns nichts.“
Stufe für Stufe stiegen sie hinunter und verließen die Halle durch eine kreisförmige Öffnung. Es zog sie in einen Gang, bläulich beleuchtet. Außer einem leisen Scharren war nichts zu hören. Hand in Hand gingen sie weiter, nach allen Seiten spähend. Aus dem Nichts streifte ein schwarzer Schleier ihr Gesicht und im gleichen Moment umgab sie undurchdringliche Schwärze. Wo war oben, wo unten? Phillis stand nicht mehr auf ihren Beinen, konnte sich nicht halten, rutschte endlos lange, bis sie liegen blieb.
„Nikki, wo bist du?“
„Ich komme schon“, hörte sie aus der Ferne.
Eine Schneewolke landete in ihrem Gesicht.
„Alles in Ordnung bei dir, Mama?“ Seine blauen Augen leuchteten unter der Mütze hervor.
„Ich glaub schon.“
„Steh auf, ich helfe dir.“
Er klickte seine Skischuhe aus der Bindung, steckte die Stöcke in den Schnee und hielt ihr die kleine Hand hin. Mit aller Kraft zog er, bis sie sich aufgerappelt hatte.
„Ich hab plötzlich nichts mehr gesehen. Seltsam.“
„Da hat’s dich geschmissen, direkt vor dem weißen Fels.“
Jetzt erst sah sie, wie weit sie abgerutscht war auf dem steilen Hang. Verflixt gefährlich hier mit dem Kleinen. Sie dachte an die blöden Bemerkungen seines Vaters. Chaotisch. Nikki wird schon genauso chaotisch wie du. Kein Wunder. Bei mir wäre der Junge besser aufgehoben, die einzige Drohung, mit der er sie noch erreichen konnte.
„Ich bin hinter dir hergeflitzt, Mama.“
„Und hast scharf gebremst, das hab ich gemerkt.“ Sie konnte schon wieder lachen.
„Hier sind deine Stöcke. Ich weiß auch, wo deine Skier rumgepurzelt sind.“
Er stapfte durch den tiefen Schnee. Dann buddelte er ihre Bretter aus, fand eine flache Stelle und legte sie sorgfältig nebeneinander. „Warte mal“, sagte er und klopfte mit seinen Skistöcken Schnee- und Eisklumpen ab, die an der Sohle ihrer Skischuhe pappten. Als sie auf ihren Skiern stand, wartete er schon ein paar Meter weiter unten.
„Alles klar, Mama?“
„Kannst langsam losfahren“, sagte Phillis.
„Okay. Zuerst fahre ich ein Stück vorweg, dann du, immer abwechselnd.“
„Einverstanden.“
„Papa erzähl ich nix davon“, rief er noch, bevor er mit seinen kleinen Skiern im Pflugbogen die erste Kurve machte.

 

 

 

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 ©Renate Hupfeld

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1. Januar 2009

 

 
 

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