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Totentanz
Renate Hupfeld
„Guck mal die Schwarze da hinten in der Ecke.“ Jimmy
trank aus und stellte das Bierglas auf die Theke.
„Die willst du doch nicht etwa auffordern?“
„Warum denn nicht? Die hat was“, beharrte Jimmy.
„Sieht aus wie ne Furie, schneeweiß im Gesicht. Lass die Finger davon, du
holst dir ne Abfuhr“, gab Theo zu bedenken.
„Was du immer hast! Von nix kommt nix. Ich hol mir die jetzt.“ Er schob die
widerspenstige Locke aus der Stirn und machte sich auf den Weg quer über die
Tanzfläche.
„Darf ich bitten?“ Ihr prüfender Blick irritierte ihn einen Moment, aber sie
stand auf und stelzte an seinem Arm über das Parkett. Als sie ihm gegenüber
stand, kamen ihm jedoch Zweifel, ob diese Frau eine gute Wahl war. Der
schwarze Fummel war viel zu weit für die Bohnenstange. Etwas Knubbliges im
Arm war ihm lieber als jede Rippe zu fühlen. Wenn sie wenigstens tanzen
könnte! Er zählte leise mit, um sie im Takt zu halten, „…rechts tab und
links tab, rechts tab und links tab, rechts tab und links…“, es war
aussichtslos.
„Wir haben uns schon mal irgendwo gesehen“, flunkerte er, weil ihm nichts
Besseres einfiel. Daraufhin fixierte sie ihn mit ihren kalten Augen.
„Nicht dass ich wüsste“, sagte sie spitz. „Oder vielleicht doch? Im
vergangenen Jahr hier beim Sommerfest?“
„Nein, nein, das muss wo anders gewesen sein.“
„Dann können Sie mir nicht helfen.“ Sie wandte sich von ihm ab und blickte
unruhig umher.
„Auge um Auge, Zahn um Zahn“, zischte sie.
Der Verrückten war sowieso nicht zu helfen, sagte er sich. Woher sollte er
wissen, was sie meinte? Er konnte nur rätseln: „Sie warten wohl auf
jemanden.“
„Was verstehen Sie denn?“
Eine Weile tanzten sie schweigend, während er an den Schlager von der
alleingelassenen Frau mit dem traurigen Herzen dachte. Liebesschmerz führte
die Menschen manchmal auf seltsame Wege.
„Ach, übrigens, ich heiße Jimmy. Und Sie?“
„Cindy.“
„Wohnen Sie hier im Ort?“
„Am Ende der Berliner Straße, seit einem Jahr.“
Als er noch darüber nachdachte, ob dort überhaupt ein Wohnhaus war, machten
die Musiker eine Pause. Er begleitete seine Tanzpartnerin an ihren Platz und
bedankte sich mit einer leichten Verbeugung.
„Mann, du bist jetzt genau so weiß im Gesicht wie deine Dame“, empfing ihn
Theo. „Wie du mit der herumgehampelt bist! Schwofen sieht bei dir sonst
anders aus.“
„Dein spöttisches Grinsen kommt echt nicht gut. Meinst du, das war ein
Vergnügen mit dem Gerippe?“
„Ist ja okay. Sag mal, ist die von der anderen Sorte?“
„Was weiß ich denn? Irgendein Idiot muss der den Kopf verdreht haben.“
„Sag ich doch, die ist nix für uns. Du siehst immer noch schlecht aus, Mann.
Trink erst mal nen Schluck.“
„Jetzt nicht, ich geh mal kurz an die frische Luft.“
Wie konnte er nur so blöd sein und dieser Verrückten auf den Leim gehen? Er
stand vor dem Friedhofstor und dachte an das schöne Bier. Als er beim
Weggehen noch einen Blick auf das Gräberfeld warf, meldete sich der kleine
Abenteurer in ihm. Wenn er schon mitten in der Nacht hier war, konnte er es
doch endlich einmal tun! Er ging zurück, schlüpfte durch das Tor und schlich
ein Stück auf dem Weg zwischen den Bäumen, nach allen Seiten spähend.
Genauso hatte er sich das als Junge vorgestellt, über der Leichenhalle der
Mond, seltsam stilles Licht auf den Gräbern. Schön gruselig. Er suchte in
den Reihen der Grabsteine nach bekannten Namen. Da blieb sein Blick an einem
hängen. Der war heller als die anderen und der eingemeißelte Name war so
groß, dass er ihn schon von weitem lesen konnte. ‚Cindy 1943–1960’ stand da
schwarz auf weiß. Zufall? Er hüpfte über die Einfassungen. Unter dem
Schriftzug war ein Foto in schwarzem Oval eingelassen. Er beugte sich
hinunter. Eine dunkelhaarige Schönheit. Das war sie. Unverkennbar der Blick.
Im vergangenen Jahr war sie gestorben. Hatte er eine Erscheinung? Er drehte
sich herum. Eine dunkle Gestalt verschwand zwischen den Bäumen. Sein
Herzschlag dröhnte im ganzen Körper. Er sprang über die Gräber, rannte zum
Tor hinaus und stolperte auf die Straße.
„Das Friedhofsgespenst! Da ist es wieder!“, kreischte eine Frau.
Ihr Begleiter sah Jimmy kopfschüttelnd an und zog sie mit. „Der musste
bestimmt mal pinkeln. Besoffene schrecken doch vor nichts zurück. Komm weg
hier.“
Als er zurückkam, fand er Theo nicht an seinem Thekenplatz. Er entdeckte ihn
auf dem Parkett. Mit dieser Cindy mühte er sich ab, als sei gar nichts
gewesen. Regungslos verharrte Jimmy am Rande der Tanzfläche und beobachtete
ungläubig das seltsame Pärchen, bis Theo ihn entdeckte und ihm zuwinkte. Mit
Handzeichen gab er ihm zu verstehen, er sollte sich an den Tisch hinten in
der Ecke setzen. Immer noch etwas benommen ging er hinüber.
Von hier aus konnte er seinen Freund und die mysteriöse
Gestalt weiter beobachten. Wenigstens fühlte er sich jetzt nicht mehr ganz
allein mit dem nächtlichen Spuk. Theo sah auch nicht gerade glücklich aus,
das hämische Grinsen war ihm vergangen. Jimmy ging ein Film durch den Kopf,
den er im Kino gesehen hatte. Darin wurde gezeigt, wie man diese Biester
vertreiben konnte, beispielsweise mit Kreuzen oder mit Knoblauch. Dummes
Zeug eigentlich. Purer Aberglaube.
Als er den Stuhl heranrückte, fühlte er etwas Schweres an der Lehne baumeln.
Was so eine aus der Gruft wohl alles dabei hatte auf ihrer Tour? Zitternd
öffnete er den Klippverschluss der Tasche und griff hinein. Er zuckte
zurück. Bizarrer Inhalt. Als hätte die keine anderen Waffen! Ein Foto
steckte da noch. Das nahm er heraus und roch unwillkürlich daran, etwas
modrig kam es ihm vor. Er steckte es in die Jackentasche.
Was Theo wohl zu dieser Geschichte sagen würde? Der kam nämlich gerade zum
Tisch, mit der schwarzen Dame. Die stürzte sich auf ihre Handtasche, riss
sie von der Lehne und eilte ohne Worte davon. Im gleichen Moment haute Theo
ihm so heftig auf die Schulter, dass er zusammenfuhr. „Ich muss dir was
erzählen, das glaubst du nicht, Mann. Bin gleich wieder da.“
Wenig später kam er mit zwei Gläsern zurück. „Lass uns erst mal einen
ordentlichen Schluck nehmen, den haben wir uns verdient“, sagte er und
drückte ihm ein Bier in die Hand. „Na dann Prost…Hach, tut das gut.“
„Das Vernünftigste von allem, was wir in den vergangenen Stunden gemacht
haben“, pflichtete Jimmy ihm bei. Allmählich ließ bei ihm auch dieses
lästige Zittern nach.
„Was ist eigentlich los heute Nacht?“, begann Theo.
„Das frag ich mich selbst. Ich kann dir auch einiges erzählen, das du nicht
glaubst. Der blanke Horror.“
„Jedenfalls sag ich dir eins, diese Witzfigur muss irgendwo ausgebrochen
sein. Wohnt auf dem Friedhof, sagt sie. Wer weiß, was die damit meint. Ich
tippe auf Irrenanstalt.“
„Das ist kein Witz, mein Lieber. In der dritten Reihe links ist ihre Gruft.
Schwarze Schrift auf weißem Marmor, kannst du nicht übersehen. Ein
idyllisches Plätzchen hat sie erwischt. Am besten besuchst du sie nachts im
Mondschein. Dann kommt es richtig gut.“
Theo war so perplex, dass er für eine Weile verstummte.
„Auf dem Friedhof hast du dich rumgetrieben?“, sagte er dann. „Ich wollte
schon losgehen und dich suchen, aber da kam diese Vogelscheuche und wollte
unbedingt mit mir tanzen. Warum bist du so sicher, dass sie das ist? In dem
Grab meine ich.“
„Name und Foto auf dem Grabstein“, entgegnete Jimmy. „Die Tote ist
zweifellos unsere mysteriöse Tänzerin, schwarze Haare, kalte Augen. Süße
Siebzehn ist Cindy geworden.“
„Mann, halt die Luft an. Siebzehnjährige Cindy im Graben tot aufgefunden.
Letzten Sommer stand das in der Zeitung. Vergewaltigt und erdrosselt. Vom
Täter keine Spur. Wieso ist die hier? Sollte die etwa…? Nein, das gibt es
gar nicht.“
„Hier, das hab ich aus ihrer Tasche mitgehen lassen.“ Jimmy zog das Foto
hervor und gab es Theo. Der betrachtete es eingehend. „Cindy im Doppelpack.
Merkwürdig.“
„Und noch was war in der Tasche“, fuhr Jimmy fort. „Kalt und schwarz.“
„Etwa eine Pistole?“
Er nickte.
„Und da sitzt du hier und machst nix?“, brüllte Theo und sprang auf. „Auge
um Auge, Zahn um Zahn. Hat sie dir das nicht gesagt, Mann?“
Plötzlich sprang auch Jimmy auf. „Verdammt lange Leitung hab ich heute
Nacht! Komm, die packen wir uns.“
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renatehupfeld(at)gmail.com
©Renate Hupfeld
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